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Kolumne 32

Auf den Spuren des Märchenkönigs
2. Kapitel - Wirken des Königs, 1. Teil

Wissenschaft, Kultur- und Kunstförderung standen immer unter Ludwigs Wahlspruch: “… besonnener Fortschritt zum Besseren”.
Diesem Anspruch galt sein ganzes Streben und Denken, den er auf allen Gebieten des Staatslebens in die Tat umsetzte; in zeitgemäßer Fortbildung der Gesetzgebung, der Verwaltung und Justizpflege, des Ackerbaus, Handels und Gewerbes, des Unterrichts-, Verkehrs- und Militärwesens, der Gewährung von Reisestipendien, von Ehrensold an verdiente Gelehrte, Schriftsteller und Künstler sowie durch Unterstützung bei der Herausgabe kostspieliger Werke.
Bayerns Wohlstand stieg unter König Ludwig II. beträchtlich!
König Ludwig II. war schon im wahrsten Sinne des Wortes ein außergewöhnlicher Monarch. Wie in Ländern mit militärisch angelegten Regenten der Militärstand vor allem anderen in den Vordergrund trat, so konnte es nicht ohne günstige Wirkung auf die ganze Münchener Künstlerschaft bleiben, daß das Hauptinteresse des Königs die Kunst war.
Wie in jenen Tagen die Kunstförderung in Form von Staatsankäufen noch nicht den gleichen Umfang hatte wie später unter dem Regenten, so lag die Schuld nicht am König, sondern an der Engherzigkeit der Volksvertretung und dem Mangel an Initiative der Minister. Die Zahl der Künstler, die für seine drei neuen Schlösser arbeitete, ist eine sehr große gewesen: es waren über 50 Kunstmaler und 20 Bildhauer.
Ludwig II. war ein König der Künstler. Die Wertschätzung, in der er Kunst und Künstler hielt, stand in Übereinstimmung mit der Veranlagung und den Tendenzen seines Volkes, das zu allen Zeiten Künstler höher eingeschätzt hat als Literaten, Gelehrte oder andere Stände. Darum fand das Vorbild des Königs auch Nachahmung in allen anderen Kreisen, und in keiner anderen deutschen Stadt erfreute sich wohl je die Künstlerschaft eines so allgemeinen und hohen Ansehens, wie damals und unter seinen Nachfolgern in München.
Die Schranken einer veralteten Hofrangordnung öffneten sich vor ihren Sommitäten, der Adel selbst erachtete sie oft für ebenbürtig, Volk und Bürger kannten sie beim Namen, besuchten ihre Ausstellungen und waren stolz auf sie. Das alles wirkte sich belebend auf ihre Produktivität aus. In den ersten Jahren seiner Regierung schien Ludwig II. ganz in die Fußstapfen seines Großvaters, des Wiedererweckers der deutschen Kunst, eintreten zu wollen. Eine Shakespeare-Galerie hatte den Anfang gemacht, “Goethes Frauengestalten” waren gefolgt und die ersten Blätter zu einer Schiller-Galerie erschienen. Ludwig II. bestellte dann die Fortsetzung von Illustrationen dieses seines Lieblingsdichters.
Nicht nur die Malerei, auch die Bildhauerei erfuhr vielfache Förderung seitens des kunstsinnigen Königs. Im Jahr 1868 drängte es ihn, eine der wenigen Lücken an Statuen auszufüllen, die sein Großvater auf den Plätzen und in den Straßen von München gelassen hatte; er beauftragte mit Herstellung von Bildnissen Schillers und Goethes den Bildhauer Wiedemann, der vier Jahre vorher das Reiterstandbild seines Großvaters ausgeführt hatte. Ein altbayerischer Bildhauer älterer Ordnung, Johann Halbig, schuf in der echt-altbayerischen Kunst der Holzschnitzerei ein Bildnis des schönen jugendlichen Königs, kniend und zu den Füßen der Patrona Bavariae, für die Georgskapelle auf der Burg Trausnitz bei Landshut. Ludwig II. ließ diese für die Geschichte einer Linie seines Hauses so beziehungsreiche Burg im Jahre 1868 restaurieren, hat sie aber nur einmal in seinem Leben besucht. Dem gleichen Meister übertrug Ludwig II. auch die Ausführung der kolossalen Kreuzigungsgruppe aus Stein, die er zur Erinnerung an seinen Besuch des Oberammergauer Passionsspiels im Jahre 1871 anfertigen und auf einem Hügel in der Nähe des Ortes aufstellen ließ. Sie ist eine bleibende Kundgebung des tiefen Eindrucks, den das Passionsspiel auf Ludwig II. gemacht hat.
Ludwig II. spielte schon als Knabe am liebsten mit Bausteinen; die Baulust stellte sich dann auch bald nach seinem Regierungsantritt ein.
Sein erster Bauplan trat als Begleiterscheinung seiner Begeisterung für die Wagnerische Musik auf. Der “Meister” des musikalischen Dramas war in der Lage gewesen, den König auf seinen Freund Gottfried Semper, den größten Baumeister des 19. Jahrhunderts, aufmerksam zu machen.
Schon im Jahre 1864 faßte Ludwig II. den Gedanken, ein eigenes Wagner-Theater, nämlich ein Bühnen-Weihe-Festspielhaus in München auf der Höhe des Gasteig zu bauen; dies stützte sich auf den von Wagner bereits 1862 im Vorwort der Dichtung seines “Ring des Nibelungen” erläuterten Plan eines amphitheatralisch angeordneten Zuschauerraums mit unsichtbarem Orchester.
Auf Vorschlag Wagners wurde nun der Architekt Gottfried Semper beauftragt, entsprechende Pläne anzufertigen. Semper lieferte prompt zu dem Festtheater und dessen Zugang einen seiner schönsten, genialsten Entwürfe, und Ludwig II. betrieb jahrelang deren Ausführung mit der äußersten Zähigkeit.
Doch im Widerstreit der Auffassungen von Semper, Wagner, König Ludwig II. und vor allem der hohen Kosten wegen zerschlug sich leider das Projekt endgültig im Herbst 1867.
Anstelle des künstlerisch bedeutsamen, monumentalen Theaterbaues von Semper trat dann später, im Jahre 1876, der ohne jeglichen architektonischen Aufwand erstellte Zweckbau des Bayreuther Festspielhauses, der allen Forderungen Wagners genügte.
Hätte Ludwig II. sich im Besitz der hierzu erforderlichen 3 Millionen Mark befunden, so hätte sicher keine Agitation Übelwollender ihn abgehalten, den Plan Sempers ausführen zu lassen.
An staatlichen Gebäuden wurde München unter der Regierungszeit Ludwigs II. durch zwei sehr edle Schöpfungen im Renaissance-Stil Gottfried Neureuthers bereichert: das Polytechnikum und die Akademie der bildenden Künste.
Der König hatte genehmigt, daß für die Akademie der Künste 2 Millionen Gulden aus dem Anteil Bayerns an der französischen Kriegsentschädigung verwendet wurden. Sein Hofbaudirektor von Dollmann erbaute auch von 1865 bis 1886 im gotischen Stil die Giesinger Kirche.
Ein Jahr später, im Jahre 1866, hatte Ludwig II. das Bedürfnis nach einem zweiten Wintergarten in der Residenz über den von ihm bewohnten Gemächern empfunden, dessen Ausbau den Baumeistern besonderes Kopfzerbrechen verursachte, weil der König darauf bestand, daß darin ein blauer, mit einem Khn befahrbarer See sein müsse. Der Bau mußte während des Krieges eingestellt werden und wurde nach dem Tod des Königs gänzlich entfernt, so daß heutige Besucher der königlichen Residenz keine Vergleiche anstellen können zwischen dem noch vorhandenen Erfrischungsraum im Grünen des bürgerlich enfachen Vaters und dem kleinen indischen Palmenhain des prunkliebenden Sohnes.
Schon in den ersten Jahren seiner Regierung faßte Ludwig II. auch den Entschluß, in der Umgebung von Hohenschwangau, die ihm besonders ans Herz gewachsen war, sich eine zweite höhergelegene Burg erbauen zu lassen. Es lag dafür ein gewisses Bedürfnis vor, da das von Max II. als Kronprinz erbaute Hohenschwangau für zwei Hofhaltungen nicht geräumig genug war und sich aus dem Zusammenwohnen von Mutter und Sohn zuweilen Unzuträglichkeiten ergaben.
Damals lagen Ludwig die Gedanken an Versailler Nachahmungen noch fern. Seine jugendlichen Phantasien bevölkerten die Bilder der altdeutschen Dichtung und Heldensagen, die fast alle Wände des alten Schlosses Hohenschwangau bedecken, und sein Eindringen in die Werke Richard Wagners erweckte sie zu neuem Leben.
Im Jahre 1900 erschien ein reichausgestattetes Werk über “Ludwig II. und die Kunst” von Luise Kobell, dessen Ansicht und Lektüre seinerzeit sehr empfohlen wurde. Die Kapitel dieses Buches hatten vor allen Dingen nur den Zweck, eine Übersicht zu geben und den Beweis zu liefern, daß der König während der 22 Jahre seiner Regierung wohl mehr und Vielseitigeres für die Künste geleistet hat, als dies zu irgendeiner Zeit und in irgendeinem Lande dem Präsidenten einer Republik möglich gewesen war.

Ludwig II. hat sich beispielsweise auch für das Passionsspiel in Oberammergau sehr interessiert. Wie schon erwähnt, besuchte der König im Jahre 1871, genauer gesagt am 25. September, die Aufführung und wurde durch die lebensvolle Darstellung und die innige Frömmigkeit der Dorfbewohner tief ergriffen.
Ludwigs letzter Leibdiener, Wilhelm Rutz, erzählt vom Besuch des Königs in Ober- ammergau:
“Nachdem die Spiele im Jahre 1870 durch den Krieg mit Frankreich abgebrochen werden mußten, wurden dieselben im Jahre 1871 wieder aufgenommen.
Nach der letzten offiziellen Vorstellung, Ende September, wünschte der König das Spiel für sich und einige Herren zu sehen. Diese ehrende Mitteilung rief großen Jubel unter den Spielern und Bewohnern hervor. Schnell waren die Straßen und Häuser geschmückt, und von den Dächern flatterten die hellblauen Fahnen. Es war ein herrlich warmer Herbsttag. Pünktlich traf der König mit seiner Begleitung am Theater ein, begab sich sofort zu dem mit Blumen reichgeschmückten Platz, und das Spiel begann. Der König verfolgte es mit großem Interesse und war sehr ergriffen. Dem Bürgermeister ließ er seine volle Anerkennung aussprechen. Die Vorstellung war mit selten großem Eifer gespielt. An einem der nächsten Tage wurden die Hauptdarsteller zu einer königlichen Tafel befohlen.
Der König beauftragte seinen Adjutanten, Freiherr von Laroche, mit seiner Vertretung bei den geladenen Gästen, sowohl beim Empfang als beim Abschied. Freiherr von Laroche hieß die Gäste im Namen des Königs herzlichste willkommen und führte den Vorsitz an der Tafel. Er sprach nochmals von der höchsten Befriedigung des Königs über das Spiel und trank auf das Wohl von Oberammergau. Bürgermeister Steinbacher erwiderte herzlichste dankend die hohe Ehre, die den Spielern widerfahren sei und brachte ein freudig aufgenommenes Hoch aus, mit dem Wunsche für ein ferneres Wohlergehen des Königs und bat um weiteres Wohlwollen für die Gemeinde.
Anläßlich seines Besuches des Passionsspiels stiftete der König die Kreuzigungsgruppe. Eine so hohe und ehrende Anerkennung für die traditionelle Erhaltung des Festspiels hat wohl keine Gemeinde zu verzeichnen.”
Der Leibdiener Wilhelm Rutz schreibt dann unter anderem in seinen “Lebens-Erinnerungen” über das Geschenk (Kreuzigungsgruppe) des Königs und über die Besuche des Königs in Oberammergau:
“… In den Jahren 1876, 1877 und 1878 kam der König jeweils am Namenstag seiner hohen Mutter, am 15. Oktober, gegen 6 Uhr abends zur Kreuzigungsgruppe angefahren, besah das Denkmal und verweilte in kurzer Andacht. Hierzu mußte ein Betschemel aufgestellt werden. Nach etwa einer Viertelstunde fuhr er nach Schloß Linderhof zurück. Als es bekannt wurde, daß an diesem Abend der König zu sehen wäre, kamen Leute aus der näheren und weiteren Umgebung, sogar aus München. Der König erfuhr dieses, wollte jedoch in seiner eigenen Einstellung und Einsamkeit nicht Schauobjekt sein und kam nicht mehr.
Am 25. Oktober 1925 fand die 50-Jahr-Feier des Denkmals statt. Viele Gäste erschienen zu dieser Feier. Am Vorabend waren alle Häuser festlich illuminiert und am Denkmal wurde eine Serenade mit Gesang aufgeführt. Am Festtag selbst war an der Kreuzigungsgruppe ein feierlicher Gottesdienst und der Hochwürdige Pfarrer Heimbucher hielt eine Ansprache. Vom königlichen Hause Wittelsbach war Prinz Albrecht zugegen.”

Wilhelm Rutz, von dem wir später mehr lesen werden, schließt seine “Lebens-Erinnerungen” mit dem kleinen Schluß-Kapitel “Der Ludwigstag, einst und jetzt”:
“Bei der Thronbesteigung des jungen Königs war auch in Oberammergau heller Jubel, und Freudenfeuer brannten am Vorabend jedes Namens- und Geburtsfestes am 24. August auf unseren Berggipfeln. Der Ludwigstag war ein wahrer Festtag. Frühmorgens Tagrebell mit Böllerschüssen, dann Aufstellung aller Honorationen und Vereine, an der Spitze der Krieger- und Veteranenverein zum Festzug nach der Kreuzigungsgruppe.

Dortselbst feierlicher Festgottesdienst am Fuße des Denkmals und nach demselben intonierte die Musik ’Heil unserem König heil’ und alles sang aus froher Brust freudig mit. In den Gasthäusern gab es Festessen und am Nachmittag Musikkonzerte unserer tüchtigen Kapelle. Bei eintretender Dunkelheit wurde der Hauptplatz illuminiert. So war es bis zum Todestag des unglücklichen Königs. Die Freudenfeuer verwandelten sich in Trauerfeuer auf den Bergen. Mitten im Kofel wird an diesem Tage ein großes Feuerkreuz abgebrannt, die Musik spielt dort ernste Weisen, die Bewohner gehen in stiller Teilnahme und schweigend durch die Straßen und Wege und gedenken des für Oberammergau so gütigen Königs und dessen trauriges Schicksals und Ende. Möge der hohe Fürst mit unserem himmlischen König zu seinen treuen Untertanen schauen bis zu einem glücklichen Wiedersehen im Himmel. Das gebe Gott.
Das Feuerkreuz am Kofel wurde zum ersten Mal 1888 von Bildschnitzer Wilhelm Lang und Forstmeistersohn Karl Binder abgebrannt.”
Soweit Wilhelm Rutz.

Professor Dr. Kurt Hommel, unter anderem Autor des Buches “Die Separatvor- Stellungen vor König Ludwig II. von Bayern”, erzählte mir, daß er am 17. August 1950 anlässlich seines Besuches der Passionsspiele den in Oberammergau damals noch lebenden Altbürgermeister und Bäckermeister Wilhelm Rutz besucht hätte.
Kurt Hommel wollte nämlich für sein Buch noch Einzelheiten über die Separat- aufführung des Oberammergauer Passionsspieles am 25. September 1871 erfahren. Rutz erzählte Hommel, daß im Jahre 1871 auch Richard Wagner in Oberammergau erschien - und zwar auf Anregung Franz Liszts, der jedoch Mitte Juli 1870 “zu der größten theatralischen Leistung des baierischen Stammes, zum Spiel von Oberammer- gau” gekommen war, das aber wegen des deutsch-französischen Krieges 1870 abge- brochen werden mußte.
Nach Wagners Besuch ließ sich bei König Ludwig II. eine Abordnung der Gemeinde, in der er als theaterbesessener, frommer und brotgebender Landesherr außerordentlich verehrt wurde, anmelden, um ihn zu ihrem Spiel einzuladen.
Der König bewies auch dafür großes Interesse, wünschte aber nach der letzten öffentlichen Aufführung eine Separatvorstellung für sich und vier Begleiter. Das gab verständlicherweise Anlaß zu aufregender Freude und seltenem Jubel bei allen Einwohnern und Mitspielern.
Rutz erzählte Hommel weiter, daß im einfachen Hochwagen Ludwig II. am 25. September früh 9 Uhr erschien, und zwar von Schloß Linderhof kommend in Begleitung des Prinzen Ludwig von Hessen und einiger anderer Herren.
“Es war ein wunderschöner Septembertag, und wir alle waren voller Freude und Erwartung”, schwärmte der 85jährige Wilhelm Rutz immer wieder an einem ebenso schönen Teenachmittag im August des Jahres 1950.
Rutz erzählte dann, daß er damals als Fünfjähriger beim Passionsspiel mitwirkte, er war in der Rolle des “Adamskindes” zu Tableaus eingeteilt.
“Zur Mittagspause fuhr dann der König wieder nach Schloß Linderhof, in dem er damals schon wohnte, nachdem er sich den Bezirksamtmann von Garmisch, den Ortspfarrer und den Bürgermeister hatte vorstellen lassen. Pünktlich zur Nachmittags- Vorstellung war der König dann wieder zurück. Um 5 Uhr war die Aufführung zu Ende.
Zehn Jahre waren seit dieser ungewöhnlichen Separatvorstellung vergangen, als König Ludwig II. den sehnlichsten Wunsch hatte, sich 1881 das Passionsspiel noch einmal anzusehen. Er sandte deshalb seinen damals in Linderhof weilenden Schauspielerfreund Josef Kainz mit einer entsprechenden Anfrage nach Oberammergau. Als dieser mit dem Bescheid zurückkehrte, das Spiel könne wegen der vielen auf den Almen weilenden Darsteller nicht stattfinden, erwiderte der König: “Ich habe in diesem Jahr Malheur mit meinen Wünschen.” -
Wie ich dann von Kurt Hommel erfuhr, ist der letzte Leibdiener Ludwigs II., Wilhelm Rutz, am 21. Dezember 1950 in Oberammergau verstorben.
(Im Hörbuch von Peter Glowasz: “Herrlichkeit und Tragik eines Märchenkönigs”, Dritter Teil, ISBN 3-925621-14-8, erinnert sich Wilhelm Rutz (gesprochen von einem Schauspieler) an seine Aufgaben als Leibdiener und an die letzten Tage des Königs im Schloß Neuschwanstein). -
Aber bleiben wir noch ein wenig in Oberammergau. Ganz in der Nähe des Passionstheaters, in der Theaterstraße Nr. 8, besuchte ich mit meinen Söhnen Michael und Marcus den ältesten Passionsdarsteller, den 85jährigen Melchior Breitsamter mit seinem schneeweißen Bart. Sein Lebenslauf ist idealtypisch: seit seinem zweiten Volksschuljahr wirkte er bereits in größeren Rollen in den Gemeinde- und Vereinsspielen mit. Als elfjähriger Bub war er dann schon beim Passionsspiel unterm “Volk” und als Engel in einem der “lebenden Bilder” aus dem Alten Testament dabei.
Als dreiundzwanzigjähriger Jüngling durfte er den Apostel Johannes spielen, dann verkörperte er als reifer Mann über drei Jahrzehnte hinweg den Pontius Pilatus. 1970 und 1980 spielte er, nun schon als älterer Herr, den Hohen Priester Annas und zum Jubiläums-Spiel 1984 wurde ihm die Rolle als Mitglied im Hohen Rat zugeteilt.
Wir, meine Söhne und ich, sitzen in seiner guten Wohnstube bei Kaffee und Kuchen und lauschten der wohlklingenden, ruhigen Stimme von Melchior Breitsamter: “Früher kamen da schon Theater- und Filmleute und sie boten mir interessante Rollen an; ich sollte unbedingt Schauspieler werden. Aber für uns Dorfbewohner heißt es da noch immer: ’Der Oberammergauer lebt und stirbt für die Passion.’”
Und weiter erzählt uns der alte Herr, wobei er der schönen Gebärde wegen das Tischtuch glattstreicht: “1922 hat ein Geistlicher begeistert geäußert ’Ihr seid heilig’ - ja und meine Antwort war: Nein, heilig sind wir nicht. Wir haben unsere Sünden und Fehler wie andere auch. Wir haben nur mehr Talent und mehr Begeisterung.”
Und zum Thema Ludwig II. äußerte Melchior Breitsamter: “Von meinem Vater habe ich viel über Ludwig erfahren; Vater, der 1864 geboren wurde, erlebte als neunjähriger Bub, wie die Kreuzigungsgruppe angeliefert worden ist. Alle Buben sind natürlich an die Straße nach Oberau gelaufen, es war ja für sie eine Seltenheit. Man hat ja extra ein Straßenlokomobil hergebracht und Stück für Stück haben sie dann die Figuren raufgefahren. Beim Herauffahren der Figur des Johannes gab es dann einen Unfall, wobei zwei Mann erdrückt wurden. Vater erzählte auch, daß der Ludwig beispielsweise jedes Jahr zum Geburtstag seiner Mutter an die Kreuzigungsgruppe zum Beten kam. Aber er kam immer abends und begleitet wurde er von Fackelträgern. Der Professor Dimmer, der damals im Osterbichl wohnte, das ist da wo heute der Sonnenhof ist, hat die größten Ängste ausgestanden, daß sie ihn beim Beobachten des Königs in den Gebüschen sehen könnten.
Ludwigs Umgebung war nicht ehrlich zu ihm; wenn zum Beispiel der König kam, wurde ein Vorreiter vorausgeschickt, der dann verkündete, daß auf Wunsch seiner Majestät alle Leute von der Straße weg müssen, der König will niemanden sehen. Später haben sie es dann aber so gedreht, als würde die Straße nur deshalb leer sein, weil das Volk Ludwig nicht mochte.
Revoluzzer gab es keine, weil das Volk trotz Armut und schwerster Arbeit zufrieden war. Mein Vater erzählte: Als Ludwig wieder in Linderhof war, erkundigte er sich nach den Oberammergauern. Der Schloßverwalter berichtete, daß es mit den Schnitzereien nicht gut gehe und die Kartoffelernte wäre auch schlecht. Ludwig antwortete: ’Lassen Sie anschreiben, die Leute können zum Schneeschaufeln nach Linderhof kommen.’
Und da ist mein Vater dann zu Fuß mit all den jungen, so achtzehnjährigen Burschen, zum Schneeschaufeln gegangen. Abends war man da immer recht froh, daß alles geschafft wurde. Als Wochenlohn gab es 18 Mark.
Ludwig II. war ein guter König; er war Gegner des Großdeutschen Gedankens und die ewige Neutralität Bayerns, so wie wir es von der Schweiz kennen, hatte er stets im Auge.”
Es war ein sehr interessantes Gespräch mit dem rüstigen Melchior Breitsamter; ihm wurde übrigens nach 1970 die Ehrenbürgerwürde der Gemeinde Oberammergau verliehen.
Das nachfolgende Bild zeigt Peter Glowasz im Gespräch mit dem 88jährigen Melchior Breitsamter, Ehrenbürger von Oberammergau und seit 1910 Passionsspieler.


Copyright@ Juni 2007 by Peter Glowasz Verlag, Berlin



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