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Aktuelles 13

Schloß Berg am Starnberger See

und

König Ludwig II. von Bayern

Ein Ludwig II.-Forschungsbericht von Peter Glowasz

unter Verwendung der Aufzeichnungen

des Gendarmeriewachtmeisters Sauer,

der die Ankunft des Königs in Berg am 12. Juni 1886 miterlebt hat

Die Titelbilder zeigen das Schloß Berg im Jahre 1864. König Maximilian I. Joseph ließ das Schloß im neugotischen Stil umbauen. Später errichtete König Ludwig II. von Bayern zusätzlich den beherrschenden “Isoldenturm” aus Begeisterung für die Musik- dramen Richard Wagners. Ludwig II. empfing fast täglich seinen hochverehrten Freund Wagner im Schloß Berg, dem er dann auch im nahen Kempfenhausen das “Pellet-Haus” zur Verfügung gestellt hatte.

Zunächst ein kleiner kulturhistorischer Rückblick: Der ganze Komplex der ehemaligen “Hofmark Perg”, erstmals im neunten Jahrhundert urkundlich erwähnt, ist seit dem 27. Oktober 1676 in Wittelsbacher Hand.Kurfürst Ferdinand Maria hatte den Besitz, Mobiliar inbegriffen, für 30 000 Gulden, den Gulden zu 15 Batzen und 60 Kreuzern, von den Hoerwarths erworben, und die wiederum hatten ihn von den Ligsalz’. Beide Patrizierfamilien aus München waren verschwägert. Ein Hoerwarth hatte das “Lusthäusl” der Ligsalz “dortselbst” im Jahre 1631 abreißen lassen, “weil zu alt, verbraucht und schlecht gemauert”, und als “Schlößl” neu bauen lassen, mit Glockentürmchen auf einem Zeltdach, mit einer herrschaftlichen Mauer rundherum.Der Vater Ludwigs, Maximilian II., ließ das Schloß zwischen 1859 und 1851 im neugotischen Stil umbauen und die Außenfassade durch Zinnen und vier Ecktürme ergänzen, denen Ludwig II. noch einen fünften, den das Schloß überragenden Bergfried hinzufügte. Diesen Turm nannte der König “Isolde”, sozusagen als Gegenstück zu seinem Privatdampfer “Tristan”, mit dem er über den Starnberger See fuhr. Fertiggestellt wurde der “königliche Schwimmhafen” im Jahre 1853. Das Innere von Schloß Berg ließ er unverändert: gewaffeltes Parkett, geraffte Vorhänge, bestickte und mit Fransen eingefaßte Polstermöbel, pompejanisch ausgemalte Zimmerdecken und Beleuchtungskörper in Form von griechischen Amphoren oder verschnörkelten Blumenvasen. Die Bilder in vergoldeten Gipsrahmen zeigen Vesuv-Ausbrüche in klassischen Landschaften und düstere Szenenfolgen aus der Sagenwelt eines Fliegenden Holländers und eines Lohengrin. Hier war die Welt Richard Wagners vorweggenommen, die Welt von Schloß Berg, in der Ludwig aufwuchs. Dieses Schloß gehörte aber auch zeitlebens zu den Lieblingsaufenthalten des Königs.

Das Schloß Berg der schönen Erinnerungen Ludwigs II. war wildromantisch bewegt. Von hier ließ sich der König auch oft und gern zur Insel Wörth (später “Roseninsel” genannt) rudern, um sich inmitten der Rosenstöcke mit seiner intimsten Freundin, der Kaiserin Elisabeth von Österreich - genannt Sisi - zu treffen.

Umso schrecklicher bleibt uns heute in Erinnerung, dass man Ludwigs Lieblingsschloß Berg später, im Jahre 1886, zu seinem Gefängnis machte! Und daraus ist für den König eine Welt hinter Gittern geworden.

Es ist Samstag, der 12. Juni des Jahres 1886. Ein Vormittag am Starnberger See - wie üblich um die Pfingstzeit. Verschwommen im Süden die Silhouette der Alpen. Verträumt zwischen Steilhang und Seeufer: Schloß Berg. Mittags ca. 12.30 Uhr: Durch die Toreinfahrt, um die Brunnenanlage des gekiesten Vorplatzes rollt die erste von vier Kutschen vor das Schloß.

Der eingefahrenen ersten Kutsche entsteigen drei Herren: Die Oberregierungsräte Ludwig von Müller, Josef Kopplstätter und Stallmeister Lefeldt. Es folgt die zweite Kutsche mit dem Assistenzarzt von Dr. Gudden, Dr. Franz Carl Müller, Kammerlakai Mayr, die Pfleger Braun und Schneller, die hastig aus dem Wagen gesprungen sind, ehe die nachfolgende dritte Kutsche, vorweg mit dem Vorreiter Schwegler, vorfährt. Im Wagen sitzt allein nur der König. Das Gesicht Ludwigs II. unter dem schwarzen Hut mit der seitwärts hochgebogenen Krempe ist geisterhaft blaß. Am Hut des Königs fehlt die Brillant-Agraffe. Der König hat das Schmuckstück bei seiner erzwungenen Abreise von Schloß Neuschwanstein dem Kammerdiener Weber geschenkt.

Der König blickt unruhig nach den ihm unbekannten Gesichtern. Erst als er den Gendarm Sauer erkannte, machte er Anstalten, aus der Kutsche zu steigen. “Es freut mich, Sauer, dass Sie wieder Dienst haben”, waren des Königs erste Worte.

Der Mann vom Kutscherbock, von Beruf Oberwärter an der Münchner Irrenanstalt und der Oberpfleger Barth wollen dem König allzu plump behilflich kommen, der König weist sie aber energisch zurück.

Der berittene “Aufpasser” hinter dem Wagen des Königs drängt sein Pferd zur Seite, um Platz zu geben für die Herren des königlichen Gefolges. Es steigen aus der vierten und letzten Kutsche der Gendarmerie-Hauptmann Horn, die Pfleger Mauder und Hack - und Oberarzt Dr. Gudden.

Gendarmeriewachtmeister Sauer erkennt sofort den untersetzten, bebrillten, hastig Anweisungen erteilenden Gudden, der auch Arzt vom Bruder des Königs, Prinz Otto, ist. Und beim Anblick dieses Herrn von Gudden erfaßt Sauer auch sofort die Situation: Der König kommt hier her als ein Gefangener, das Schloß Berg ist jetzt sein Gefängnis!

Gudden hat es also mit seinem unmöglichen “Zweck-Gutachten” fertiggebracht, den König zum geisteskranken Gefangenen zu machen. Eine nicht mehr gutzumachende Schandtat, ein Jahrhundertverbrechen mit Todesfolge!

König Ludwig II. betritt die unteren Räume seines Schlosses und sieht sich seinem Porträt gegenüber. Das Bild zeigt ihn, einen romantischen Jüngling, bei seiner ersten Landung vor Schloß Berg als König. Im Hafen liegt der Dampfer “Tristan”.

Er konnte von seinen Wohnzimmern im zweiten Stock aus über den Starnberger See blicken, hinüber zu seiner geliebten Roseninsel.

Dort hatte er der Zarin, die auf Besuch an den bayerischen Königshof gekommen war, eine Übernachtung in der “Pompejanischen Villa” (erbaut 1858 von Max II. als Sommersitz) geboten, von der sie im kalten Petersburg noch bis an ihr Lebensende schwärmte.

Nach späteren Aussagen der Wärter im Schloß, versuchte der König vergebens seine Hand durch das Fenstergitter zu zwängen, um die Kletterrose am Gesims zu brechen. Dann begann er in seinen Zimmern hin und her zu wandern, immer wieder hin und her. Er bemühte sich wohl so zu tun, als bemerkte er nicht die Gucklöcher in den Türen für die als Lakaien verkleideten Irrenwärter.

Im Speisezimmer hielt er stumme Zwiegespräche mit den Büsten des französischen Louis und der Königin Marie Antoinette. Ihr tragisches Ende vermochte ihn wohl kaum Ermutigung zu bringen. Nun blickte er zu den Szenenbildern “Tristan und Isolde” und liest dann die Wagnerschen Texte zur “Götterdämmerung”.

Im Wohnzimmer erwarteten ihn vor dem Hintergrund der blauen Tapeten die Gestalten aus seiner Opernwelt: Siegfried, Tannhäuser, Parzifal, Lohengrin und Tristan.

Der König betrat sein Schlafzimmer. Dort das schmale, für seine Länge zurecht- gezimmerte Bettgestell, mit weißseidenen Kissen und blauseidener Decke unter einem Baldachin. Und ein Kruzifix.

Sonst alles in diesem Zimmer blau gehalten. Blaue Polstermöbel, blauer Ofenschirm, blaues Waschservice, tiefblau schimmernde Nacht- ampel. Aber der König findet keinen Schlaf.

Um zwei Uhr nachts hatte er Mühe, einen Wärter zu überreden, ihm die notwendigsten Kleidungsstücke zu reichen. Um sechs Uhr früh verlangte er nach einem Bad.

Er erinnerte daran, dass doch heute der 13. Sei und außerdem Pfingsten, und er möchte deshalb in der Dorfkirche den Gottesdienst besuchen. Man verweigerte es ihm. Aber einen Spaziergang im bewachten Schloßpark konnte ihm Dr. Gudden nicht abschlagen.

Der Spaziergang wurde abends, 18.45 Uhr, wiederholt, obwohl es zu regnen begonnen hatte. Gudden gab den Wächtern, die ihnen folgen wollten, einen Wink, sie sollten zurückbleiben. “Um acht Uhr”, rief Gudden, “sind wir zurück.” Die Wächter sahen den beiden Gestalten nach wie sie eintauchten in den Schatten unter den Bäumen, die den Weg zum Seeufer säumten …

Nach den letzten mir vorliegenden Forschungsergebnissen ist jetzt eindeutig geklärt, daß König Ludwig II. von Bayern am Abend des 13. Juni 1886 flüchten wollte. Die Flucht mißlang - der König wurde auf der Flucht durch 2 Schüsse getötet!

Alle Einzelheiten bzw. Indizienbeweise zu dem Königsmord mit Angabe des Täters kann in meinem Buch: “Der Tod am Starnberger See - Die Aufklärung der Todesursache Königs Ludwigs II. von Bayern” nachgelesen werden.

Der schauderhafte Mordfall wird auch im Hörbuch: “König Ludwig II. von Bayern - Auf der Flucht erschossen” geschildert; bekannte Gerichtsmediziner und Ludwig II.-Forscher äußern sich zu dem Mordfall. -

Was geschah eigentlich mit dem Schloß Berg nach dem Tod des Königs? Am 8. November 1939 - der Zweite Weltkrieg hatte soeben begonnen - stellte das Landesamt für Denkmalpflege in München unter der Nummer 6128 ein Gutachten aus, betreff: “Schloß Berg in denkmalpflegerischer Hinsicht”. Im Amtsdeutsch steht geschrieben: “Den Hauptwert des Schlosses macht aus, daß es seit dem Tod Ludwigs II. (1886) nicht mehr verändert worden ist, so daß die Einrichtungen einer Kulturperiode … bis in alle Einzelheiten erhalten geblieben sind. Dazu kommt die rein historische Bedeutung des Schlosses als Stätte des tragischen Todes König Ludwigs II. Auch hier sind alle Einzelheiten in seinem Schlafzimmer unverändert … Der dreigeschossige Bau, von niemandem mehr bewohnt, auch nicht vorübergehend … ist den heutigen Ansprüchen des Komforts nicht mehr entsprechend, da es an allen sanitären und heiztechnischen Einrichtungen mangelt … An der Erhaltung des Schlosses besteht öffentliches Interesse”, schließt das Gutachten.

Schloß Berg wurde erfreulicherweise ein Museum, ein interessantes Denkmal zur Erinnerung an König Ludwig II. von Bayern.

Die Jahreseinnahmen aus Eintrittsgeldern beliefen sich auf durchschnittlich 3500 Reichsmark. Dagegen standen Ausgaben für den Gebäudeunterhalt von 8165 Reichsmark. Das Defizit von 4600 Reichsmark hatte der Eigentümer von Schloß Berg zu tragen, der WAF (Wittelsbacher Ausgleichsfonds, die Familienkasse des ehemaligen Königshauses).

1945, “im Wonnemonat Mai”, um in der Sprache Richard Wagners zu bleiben, die einem Ludwig II. so “lieb und theuer” war, erreichte die Spitze einer amerikanischen Vorausabteilung das Seeufer bei Berg. Kein Schuß fiel. Aber das Schloß, das der Krieg verschont hatte, wurde jetzt ein Opfer der Nachkriegsumstände. Auf den Karten der Quartiermacher aus Texas ist das Gebiet um den See braun schraffiert. “Nazi-Areal!” Die verlassenen Bonzenvillen wurden für die Besatzungsmacht beschlagnahmt, auch Schloß Berg. Von einem “King Louis” nie gehört! Was heißt da “Museum”? Aus weggeworfenen Uniformstücken und zurückgelassenen Akten war klar ersichtlich, daß hier zuletzt eine Nazi-Polizeieinheit auf ihrer Flucht untergekommen war. Also: “Beschlagnahmt!”

Aber dann stellte sich für die amerikanischen Soldaten heraus, was das Denkmalamt schon zuvor in der Akte 6128 festgelegt hatte: Das Schloß ist nach heutigen Begriffen unbewohnbar. Eine Enttäuschung mit dem “castle”, die die Gäste aus Übersee vor ihrem Auszug damit quittierten, daß sie die Wasserhähne für die einzig vorhandengewesene Badewanne im zweiten Stock auf - und nicht mehr zu drehten!

Aus dem Messing-Schlund stilisierter Schwäne begann es rostrot zu gurgeln.

Vor dem Schloß sorgte eine Wache - “off limits!” - dafür, daß es so lange weiter gurgelte und stöhnte, bis der zweite Stock auf den ersten Stock durchgebrochen war - und bis die aufgestauten Wassermassen sich in das Erdgeschoß ergossen haben! Dabei wurde das Porträt des jungen Königs, dem der gefangene König damals, im Jahre 1886, gegenüberstand, mit von der Wand gespült …

Den unmöglichen - und für das Schloßmuseum folgenschweren “Epilog” zu diesem Drama entwarf dann am 5. Juni 1946 der Landrat des Kreises Starnberg mit seinem verheerenden Konzept: “Betreff: Umbauabsichten in Schloß Berg” für ein Schreiben nach München an das Landesamt für Denkmalpflege. “Das Schloß Berg steht … nicht mehr unter Denkmalpflege”, schreibt der Landrat unkundigerweise, “…ich möchte jedoch persönlich feststellen, daß der beabsichtigte Umbau mit größtem Takt und künstlerischem Verständnis durchgeführt erscheint.”

Dieser Landrat besaß aber kein künstlerisches Verständnis - auch fehlte ihm das nötige Taktgefühl! Denn er wollte nicht das Berg König Ludwigs II. wieder aufbauen lassen, sondern er griff zurück auf die einfache Urform eines dreigeschossigen Würfels mit Zeltdach ohne Türme und Zinnen.

Somit sind durch den “Umbau” wertvolle Erinnerungen an König Ludwig II. von Bayern und sein Lieblingsschloß Berg am Starnberger See verloren gegangen. Ein Denkmal wurde einfach vernichtet! Übrig blieb: Eine historische als auch archi- tektonische Ungeheuerlichkeit, eine nicht mehr gutzumachende Schandtat! -

Aus dem einst so interessanten Schloßmuseum wurde ein entstelltes, einfaches Haus mit einem Wohnsitz, eine Wohnung für den damaligen Chef des Hauses Wittelsbach, den Herzog Albrecht von Bayern.

Die nachfolgenden Bilder zeigen das Schloß Berg im Jahre 1899 mit Seeufer und Schloßpark. Hier vollendete sich am 13. Juni 1886 das tragische Schicksal König Ludwigs II. von Bayern; er wurde auf der Flucht durch 2 Schüsse getötet.

Zum Gedenken des Königs wurde im Jahre 1887 ein Gedenkkreuz im Starnberger See errichtet. Das Kreuz wurde in den vielen Jahren schon mehrmals erneuert.


Copyright@ Juni 2007 by Peter Glowasz Verlag, Berlin



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